17. August 2016 |  DIE LINKE

         

Was braucht der Mensch?

Heute wäre Lothar Bisky 75 Jahre alt geworden. An den ehemaligen Parteivorsitzenden von PDS und Linkspartei und das Mitglied im Forum Demokratischer Sozialismus (fds) erinnert die fds-Bundessprecherin, Luise Neuhaus-Wartenberg (MdL). 

Lothar Bisky war einer, der mehr überlegt als schon gewusst hat, der mehr Fragen gestellt hat, sich selbst und all den anderen, die sie hören wollten.

Ich erinnere mich besonders an seine Rede auf dem Parteikonvent zum Programmentwurf der LINKEN. Dort gab er zu bedenken, dass wir es uns mit der „Eigentumsfrage“ nicht zu einfach machen dürfen und illustrierte das mit einer Filmszene aus dem sowjetischen Film „Bahnhof für zwei“. Eine abstrakte Vergemeinschaftung ist eben noch keine gesellschaftliche Aneignung, ebenso wie die Forderung nach Verstaatlichung. Deshalb warb er für die Bindung der Eigentumsfrage an die strikte Demokratisierung aller Lebensbereiche.

„Wir wollen nicht enteignen, sondern uns das Leben endlich aneignen.“ sagte er. Nicht von ungefähr war seine Rede überschrieben mit „Das gute Leben gehört in unsere programmatische Debatte“.

Ja, das gute Leben und die daraus folgende Frage: Was braucht der Mensch? – zum Ausgangspunkt unserer Überlegungen zu machen, wäre besonders heute ein lohnender Perspektivenwechsel. Vielleicht würden wir dann klarere Bilder sehen und zutiefst Links wäre es obendrein.

Heute beginnen alle unsere programmatischen Erklärungen mit Forderungen nach „Guter Arbeit“. Doch tut sich unsere Partei noch immer schwer mit dem Wandel der Arbeitswelt. Lothar Bisky, der Intellektuelle, der Medienexperte, verfolgte wach diese Veränderungen und wollte eine Diskussion um einen genaueren Arbeitsbegriff. Und wenn sich Gesellschaft verändert, dann auch die Menschen in ihr. Dann sollten sie eben auch anders angesprochen werden. Mit anderen, modernen Themen und mit einer den Themen angemessenen Sprache. Ich habe seit einiger Zeit den Eindruck, dass unsere Debatten steckengeblieben sind, dass Themen nicht wirklich und vor allem kulturvoll verhandelt werden. Genau da fällt mir immer wieder auf, wie sehr Lothar fehlt, die nachdenkliche Stimme, gefühlt aus dem „Off“.

Viele erinnern sich sicher noch an seine Rede auf dem Alexanderplatz 1989. Überlegt, zurückhaltend, ja geradezu schüchtern trat er ans Mikro und hatte kaum begonnen, da hörte man die Rufe: „Lauter!“[1] Ein Rufer war er in der Tat nicht. Zum Glück! Rufer hatten und haben wir genug. Aber er konnte offenbar Dinge in Bewegung bringen. Es war kein kleines Ding, als Rektor durchzusetzen, dass es zur Kommunalwahl 1989 Wahlkabinen in „seiner“ Hochschule gab.[2] Oder seinen Studenten die Vertrauensfrage zu stellen. Und er stellte sich vor sie und hielt ihnen den Rücken frei, wenn deren Filmprojekte argwöhnisch beäugt wurden. So sagte Andreas Dresen bei der Gedenkfeier zum Tode Lothar Biskys in der Berliner Volksbühne vor drei Jahren:

„Es ist leicht, die Klappe aufzureißen, wenn ein schützendes, breites Kreuz vor einem steht. Nein Lothar, wir Studenten waren nicht mutig, wir haben nur unseren vorhandenen Spielraum genutzt. Mutig warst Du, der Du das alles vertreten und zugelassen hast.“[3]

Wer weiß, vielleicht hätte Lothar Bisky dieser Heroisierung widersprochen. Schließlich sagte er auf dem Alexanderplatz auch: „Mein Fehler und der vieler meiner Generation darf nicht wiederholt werden. Wir dürfen nichts auf die Umstände schieben.“

Lothar Bisky stellte sich seiner Verantwortung in der DDR und stritt für eine neue, moderne sozialistische Idee. Er verband so das Alte mit dem Neuen. Und das tat er gut. Über alle Generationen hinweg.

Das Alte mit dem Neuen verbinden ist auch eine Frage von Kultur. Es braucht dazu eine Kultur des Zulassens, der Ermutigung und des Fragens. Das „Fragend schreiten wir voran“ scheint bei uns eine Überschrift geblieben zu sein. Neigen wir jetzt nicht mehr denn je viel zu sehr dazu, die Welt mit Antworten zuzupflastern, ungeachtet dessen, ob das die Welt überhaupt hören will? Das ist unattraktiv, sowohl für Menschen, die mit einer linken Idee sympathisieren, aber auch für langjährige Mitglieder, denen es zunehmend schwer fällt zu bleiben.

Kaum ein anderer fühlte sich so wenig berufen, Spitzenpolitiker zu werden, wie Lothar. Als er gebraucht wurde, wurde er es. Er hat sich nie in den Vordergrund gedrängt. Als DIE LINKE ihn bat, in den Vordergrund zu treten, hat er sich dieser Verantwortung gestellt.

Er war Vorsitzender der PDS von 1993 bis 2000, hat sich noch mal zur Verfügung gestellt, als es 2003 darum ging, die PDS aus einer tiefen Krise zu holen und 2007, als sich die PDS mit der WASG vereinigte. Und er war Vorsitzender der Europäischen Linkspartei (EL). Schaut man sich die Geschichte der europäischen linken, sozialistischen, kommunistischen Parteien, ihre ideologischen Ausrichtungen und politischen Vorstellungen an, scheint der Versuch, dafür ein gemeinsames Dach zu (er)finden, der Aufgabe durchaus ebenbürtig, Quantenmechanik und Allgemeine Relativitätstheorie in einer „Theorie von Allem“ zu vereinigen. Lothar Bisky hat sich auch dieser Verantwortung gestellt. Und doch wurde ihm die gebührende Anerkennung am Ende nicht zuteil.

Erinnert sei daran, wie ein aufgeregter Hühnerhaufen im Bundestag nach der Erkrankung Oskar Lafontaines, eine Krise der Partei herbeiredete. Dass die Partei ja noch einen Vorsitzenden hatte, wurde gar nicht mehr wahrgenommen. War es Gedankenlosigkeit? Ignoranz? Hatte die leise, nachdenkliche Art des Politikers wider Willen ausgedient?

Für mich gibt es keine Entschuldigung für diesen Mangel an Respekt. Eben dies ist Ausdruck des Mangels an Kultur im Umgang miteinander. Bei der Lösung dieses Problems, dieses Grundproblems in unserer Partei voranzukommen, hilft es, sich Lothar Biskys zu erinnern. Immer und immer wieder.

Ohne ihn, kein bis heute fahrender Zug – auf den aufzuspringen, leider viel zu viele verpasst haben. Schade!

Lothar, Du fehlst! Mir und uns und einer zauberhaften Idee, die ohne dich an Zauber zu verlieren droht.

 

 

[1] Vgl. Lothar Bisky auf dem Alexanderplatz am 4. November1989, in:

https://www.youtube.com/watch?v=waGASeK_QY8

[2] Vgl. http://www.stern.de/politik/deutschland/lothar-bisky-stirbt-im-alter-von-71-jahren-ueberzeugungstaeter-im-besten-sinne-3910914.html

[3] Vgl. Rede Andreas Dresen, in: http://www.tagesspiegel.de/politik/fuer-lothar-bisky-die-rede-von-andreas-dresen-in-der-volksbuehne/8793488.html

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